Schicksalhafte Begegnungen

 

dem geneigten Hausmann

Ich bin ein Kämpfer. Nun, der aufmerksame Leser wird feststellen, dass dies nicht der landläufig bekannte Beginn eines wahren Märchen ist. Das hält mich aber nicht davon ab, dieses Märchen mit dieser durchaus heroischen Aussage zu beginnen. Außerdem sagt der Satz “Ich bin ein Kämpfer.” keineswegs etwas aus über den Erfolg oder Misserfolg dieser Berufsgruppe. Wenn man in der Geschichte nachliest, haben die meisten Kämpfer nicht nur Haus, Hab und Gut, und -neben Kopf und Kragen- auch noch ihre Leben verloren. Bis auf einen, auch ihr einziges. Dieser Eine hatte das Glück, in dem uns gemeinen Mitteleuropäern bis dato völlig unbekannten Bethlehem geboren zu werden, um etwa dreiunddreißig Jahre später dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Aber wir schweifen ab.

Die glücklosen Kämpfer indes, können getrost getröstet werden: berühmt sind immer die anderen geworden. Das sind dann diese Helden, die als Winnetou getarnt mit einem Schuss aus den legendären Silberbüchsen gleich zehn feindliche, feist grinsende und skrupellose Schurken nebst ihrer Pferde in die ewigen Jagdgründe befördern. Es kann auch sein, dass es der Henry-Stutzen ist, bei derart berühmten Schusswaffen kommt es letztlich gar nicht so sehr auf deren Besitzer an. Die Hauptsache ist und bleibt, ob man Kämpfer ist.

Also noch einmal. Auch ich bin ein Kämpfer. Und zwar ein Kämpfer gegen eine Übermacht, die eigentlich im Grunde seines Herzens jeder fürchtet und gegen dieselbe man mehr oder weniger den Kampf bereits aufgegeben hat. Hier soll der erfolglose Kampf gegen die haushältliche Unordnung beschrieben werden, in der stillen und aussichtslosen Hoffnung, dass dies einmal ein Hymnus aller Hausmänner und -frauen wird. Es geht um die Unordnung von ganz wichtigen Dingen, wie beispielsweise das tägliche Geschirr, die Zeitung von vorgestern und Sachen, die unbedingt noch erledigt werden müssen und die gerade deswegen genau so da liegen müssen, bis hin zu den Fotos, die schon jahrelang eingeklebt werden wollten. Letztere enden dann meist in irgendwelchen Schuhkartons. Damit haben dann wenigstens die sonst nur unordentlich herumstehenden Kisten auch endlich einen Zweck erhalten.

Meist versuche ich mich ja zu arrangieren. Man will es sich ja mit seinen Mitbewohnern nicht verscherzen. Kurzerhand deklariere ich einfach die Leiter, die schon immer im Weg steht, zu einem liebgewordenen Accessoire. Meist gelingt mir selbst das schon nicht mehr, weil mein geliebtes Auge sich schon längst an dies Merkmal häuslicher Vertrautheit gewöhnt hat. Aber es funktioniert! Und erst in einer schwachen Minute, fällt mir eben diese Leiter störend ins Auge. Hin und wieder versuche ich auch, die Unordnung zu überlisten. Dann verkünde ich lautstark, das so und nicht anders eine bewohnte Behausung auszusehen habe. Die Unordnung wehrt sich mit unerwarteter Härte: Völlig unbeeindruckt bleibt sie dort, wo sie nun schon die letzten Tage oder Wochen verbrachte. Ganz hinterlistige Teilgenossen dieser vorherrschenden Macht stellen sich sogar in den Weg, so dass spätestens beim nächtlichen Toilettengang meine noch im Halbschlaf gefangene kleine Zehe jäh aus demselben gerissen wird, wenn ich gegen die Leiter renne. Schmerz!

Wenn ich dann dies Gedulds- und Zerreißprobe verloren habe, schwöre ich mich erneut auf den heroischen Ansatz ein “Ich bin ein Kämpfer” und beginne sogleich am nächsten Wochenende meinen Großangriff gegen alles Liegengebliebene... zu planen. Schon wenige Wochenenden später zittert der Unrat: dann fange ich an, um bald festzustellen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Im Laufe niederlagenreicher Jahre habe ich mir eine unschlagbare Methode ausgetüftelt. Ich nehme mir immer ein Zimmer nach dem anderen vor. Das hat den Vorteil, dass ich das Zeug, mit dem ich zwar nichts anfangen, andererseits es auch nicht der guten alten Müllabfuhr übergeben möchte, in ein anderes Zimmer zwischenlagern kann. Meist ist dieses neue Zimmer noch nicht aufgeräumt.

Eine andere effektive Strategie gegen diesen übermächtigen Feind aller Ästheten ist die Einladung lieber Freunde. Denn dann verkürzen sich die Entscheidungswege beträchtlich. Schon wenige Minuten vor dem Eintreffen der lieben Freunde ist auch alles aufgeräumt. Zumindest die Zimmer, die dem normalen Freund zugänglich gemacht werden müssen. Gott sei Dank verbleibt meist noch ein Zimmer, das ich dankbar als Zwischenlager nutze. Ich habe mich bereits daran gewöhnt, dass diese Meisterleistung der Logistik von den lieben Freunden meist völlig unbeachtet bleibt. So bleibt mir oft nicht anderes übrig, als mir selbst schulterklopfend im Weg zu stehen. Die Fete ist manchmal gut, ein anderes mal eher gediegen. Das tut auch an dieser Stelle der hochwissenschaftlichen Betrachtung des Phänomens “Unordnung” wenig zur Sache. Denn egal wie die Party auch war: Die mühevoll und zeitraubend gereinigte Wohnung sieht nach freudvollem Gehen aller lieben Freunde so aus, als müsste ich den Kampfmittelräumdienst bemühen.

Noch effektiver ist das Einladen der allerbesten Mütter. In meinem Fall habe ich aber nur eine. Bereits Tage vor dem einfallenden Besuch werde ich dem Dreck gewahr, der es sich in meiner Bude bequem gemacht hat. Aber die Aussicht der mütterlichen Mithilfe beim Hausputz, lässt letzte Kräfte erwachen! Selbst die Fenster werden einer gründlichen Inspektion unterzogen. Die im Wohnzimmer werden dann auch geputzt. Leere Flaschen, die selbstverständlich fein säuberlich in einer Ecke gesammelt wurden, werden nun auch entsorgt. Das Bad wird poliert, letzten Kalkpartikel in der Toilette mit der chemischen Keule der Garaus gemacht. Der Staub, den ich durchaus auch einmal zwischenzeitlich vom Schrank verbannt habe, den Weg dorthin zurück aber penetrant wiederfindet, wird weggewischt. Auch der Teppich wird gründlicher als sonst gesaugt. Anschließend wische ich den Staub vom Schrank. Bei der Methode der Einladung sollte man aber vor unbedachten Äußerungen gewappnet sein. Meine allerliebste und zur Zeit auch einzige Schwägerin rief beim Anblick meiner Küche aus: “Oh, man sieht, dass hier eine Frau im Haus fehlt!” ‚Emanzen!' knurre ich finster.

Gerade die Küche ist beim Kampf der menschlichen Rasse gegen die Unordnung eine Hochburg derselben. Scheinbar hat sie dort Heimvorteil. Dies hat mir über die Jahre des Junggesellendaseins die Küche unheimlich gemacht. Zumindest wenn es ans Aufräumen, Abwaschen und Abtrocknen geht. Schon als kleiner Junge wurden wir drei Brüder unbarmherzig in diese Höhle der Essenreste, angebrannten Töpfen und verkrusteten Herde mindestens jedes Wochenende gesteckt, vorzugsweise Sonntag. Scheinbar wollte es die Satzung so. Wer von uns liebreizenden Knaben die Toilette zuerst erreichte, hatte einen strategischen Vorteil. Blieb ihm doch der Posten des Wegstellen des von dem einen Bruder gewaschenen, vom nächsten Bruder getrockneten Geschirrs. Es gab Sonntage, da schaffte ich diesen Sprung auf die heimatliche Toilette nicht. Beim Anblick des verkrusteten Herdes wurden eine Stimme in mir wach, die ungläubig fragte, ob der Koch denn nicht gefälligst besser aufpassen konnte. Die Stimme ist, seit ich mein eigener Koch bin, still geworden. Und außerdem wohne ich schon einige Zeit fern meiner Brüder, also rettet mich auch der Toilettenbesuch nicht von der Hausarbeit "à la cuisine". Allerdings habe ich in meiner neu erworbenen Spülmaschine einen treuen Knappen gefunden, der schon einen ganz beträchtlichen Teil der Essenreste und angebrannten Töpfen aufnimmt. Ich sollte sie bei Gelegenheit adeln.

Nun kann es sein, dass bestimmte genetische Voraussetzungen die Unordnung anziehen. Zumindest muss ich dies aus den Ausführungen meiner allerbesten Mutter entnehmen. Die sagt nämlich des öfteren, dass ich das Chaos anziehen würde. Außerdem und andererseits kenne ich Wohnungen, die sind sauber. Also, etwas anders sauber, als es meiner Vorstellungen genügen würde. Das sind dann solche Wohnungen, deren Bibliothek mindestens einmal in der Woche komplett entstaubt wird. Natürlich erst nachdem alles andere den gefürchteten Test mit einem weißen Handschuh bestanden hat. Wenn ich solche Behausungen betrete, beschleicht mich mehr und mehr die Befürchtung, eines meiner Haare könnte sich lösen, seinen angestammten Platz just in diesem Moment verlassen und womöglich noch auf dem Teppich des Gastgebers landen. Schon bei dem Gedanken sehe ich den Angstschweiß auf der Stirn des Hausherren oder der Hausdame stehen. Meist dürfen in solchen Wohnungen die Hunde und Katzen mehr Dreck machen als Kinder. Letztere sind auch oft nicht da, weil gar nicht vorhanden. Da ich aber beim besten Willen und größter Anstrengung so ein Zustand der geputzten Langeweile nicht erreichen werde, bleibt nur noch die Frage “Warum können die, was du nicht kannst?”, genetisch zu begründen.

Aufhorchen ließ mich vor einiger Zeit der Bericht im Fernsehen, dass es auch anderen so ergeht wie mir. Sogar Selbsthilfegruppen gibt es. Toll! dachte ich in der ersten, unüberlegten Euphorie. Doch dann dachte ich messerscharf nach. Dabei habe ich festgestellt, das Selbsthilfegruppen bezüglich der angeblich deutschen Tugenden Ordnung und Sauberkeit wohl Quatsch sein müssen: bei fünfundneunzig Prozent aller haushältlichen Unordnungen muss ich mir in meinem Haushalt eh schon selbst helfen. Wozu dann noch eine Gruppe? Vorsichtshalber habe ich mir aber doch die Rufnummer notiert. Den Zettel habe ich aber nicht mehr gefunden. Wochen später konnte ich ihn nicht mehr zuordnen und sicherlich ein viertel Jahr später weggeworfen.

Das Todesurteil jeder ernstgemeinten Revolution bezüglich der Unordnung und des Kampfes gegen sie, ist ein Zaudern beim Wegwerfen von liebgewordenen, aber seit Jahren nicht mehr genutzten Utensilien. Die besten Vorsätze werden gnadenlos ad absurdum geführt, sobald sich der Gedanke einschleicht, ob ich es noch mal brauchen könnte. Wer weiß? Hebe ich es auf und brauche ich es irgendwann einmal, habe ich längst vergessen, dass Benötigtes immer noch in meinem Besitz ist. Wenn ich mich von dieser Überlegung nicht beeindrucken lasse und befördere es in den Müll, kann ich darauf wetten, dass ich bereits wenige Tage danach genau dieses Teil meines Lebens dringend benötige. Wetten? Die Stadtwerke haben zwischenzeitlich auch nicht geschlafen: Das Zeug ist weg! Jede Wette!

Warum fällt mir bei meinen Überlegungen in Sachen Unordnung das heiß geliebte Bügeln ein? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die frisch gewaschenen und schon lange getrockneten Kleider öfter mal warten müssen. Ich will effektiv bügeln und das bedingt mindestens zwei Waschmaschinenladungen. Meist werden es mehr. Ein untrügliches Zeichen, dass mein Date mit dem Bügelbrett nicht mehr verschoben werden darf, ist der Anblick gähnender Leere meines Kleiderschrankes und der verzweifelte Versuch, die gewünschten Stücke in Einzelarbeit kurz vor dem Tragen zu bügeln. Ist dieser Zeitpunkt gekommen, baue ich die Gerätschaft in Sichtweite des Fernsehers auf, fülle das Dampfbügeleisen mit zu kaltem, zukünftigen Dampf und beginne. Interessanter Weise beginne ich mit schwierigen Teilen, wie beispielsweise den Hemden. Die Unordnung wehrt sich mit prompter Müdigkeit und persönlicher Unlust und nach eineinhalb Körben ist ein kritischer Punkt erreicht. Dann kommt es auf die Tagesform an, ob ich beinhart durchhalte oder das Bügelbrett aus der Sofaperspektive beobachte.

Auch wenn dem Bügeln viel Zeit geopfert werden muss, kann ich dasselbe nicht uneingeschränkt zu meinen Hobbys zählen. Anders sieht es da schon beim Heimwerkeln aus. Aber auch in dieser Disziplin hat sich die Unordnung einen gehörigen Vorsprung verschafft. Da helfen auch keine Schächtelchen für Schrauben, Koffer für Bohrmaschinen und Schubladen für Schleifpapier. Sehr schnell finde ich kurze Zeit später in den Schubladen Schrauben und im Bohrmaschinenkoffer ist der letzte Kontoauszug gelandet. Außerdem suche ich einmal -und zwar immer- den Bohrfutterschlüssel! Den finde ich dann in der Schachtel für die Nägel. Verschärfend kommt hinzu, dass ich in Ermangelung geeigneter Werkstätten, das Werken zu Haus machen muss. Scheinbar kommt daher der Begriff des „Heim-werken“. Doch diese Erklärung schützt weder meine Schränke vor einer je nach bearbeitetem Material hellen oder farbigen Staubschicht, noch vor den regelmäßigen Gipsklecksen auf dem Fußboden.

Jedem geneigten Hausmann, der sich bei den hier geschilderten Situationen wiedererkennt und bestätigt fühlt, werde ich auch noch ein Vorletztes plausibel beschreiben können: Es gibt in diesem verlorenen Kampf einen kurzen Punkt, einen kleinen Augenblick, ein Wimpernschlag der Haushaltsgeschichte, der alle Mühen vergessen lässt. Alle Flüche und Verbannungen, die in der hoffnungslosen Schlacht gefallen sind, verstummen. Einen kurzen Augenblick lang stellt sich ein Wohlbefinden ein. Ein tiefes und fast beunruhigendes Wohlgefühl: es ist geschafft! Wenigstens eine Zeitlang, kann ich durch meine Wohnung gehen und mich so richtig wohl fühlen. Es ist ein Gefühl zwischen Zufriedenheit, Siegestaumel, Verblüffen und der keimenden Frage, ob man das Aufgeräumte jemals wiederfinden wird.

Zum Schluss meiner Ausführung will ich dem geneigten Leser beweisen, dass das eben Gelesene in seinem ganzen Extremismus sich nun doch noch nicht in allen Lebensbereichen meines Erdendaseins etabliert hat. Völlig plausibel will ich erklären, dass die für so ein Haushaltsmärchen notwendige Dramatik einige überspitzte Darstellungen notwendig machte. Doch scheinbar ist mir die Unordnung treu geblieben... Wo hab ich denn bloß meine Notizen? Hier irgendwo müssen sie doch sein. Wo hab ich die bloß hingelegt. Eigentlich müssten sie ja hier, aber nein... hier auch nicht... Ich sollte wieder einmal aufräumen!

 

(c) 1998 Sebastian Grund